Natur. Und du? – Wenn der Weg zum Erlebnisraum wird

Wie wenig es braucht, damit Kinder und Erwachsene gemeinsam staunen, entdecken und in einen FLOW-Zustand eintauchen können, zeigte das Naturerlebnis «Natur. Und du?» im Park im Grüene in Rüschlikon eindrücklich.
Lapurla entwickelte das Angebot für Kinder von 0 bis 4 Jahren und ihre Begleitpersonen im Auftrag des Migros-Kulturprozents. Durchgeführt wurde es von Nicole Rocchetti, Co-Leiterin des FiZ Familienzentrums Wetzikon, Absolventin des CAS Kulturelle Bildung und Netzwerkerin von Lapurla, gemeinsam mit dem Künstler Manuel Trachsel.
Den Alltag hinter sich lassen
Zu Beginn wurden die Familien eingeladen, den Alltag für einen Moment hinter sich zu lassen, ganz im Jetzt anzukommen und der Neugier der Kinder zu folgen. Auch die Erwachsenen durften selbst wieder «gwunderig» werden, ausprobieren und die Natur mit allen Sinnen erfahren.
Mit kleinen Körbchen machten sich Kinder und Begleitpersonen auf den Weg durch den Park. Darin sammelten sie Blätter, Blumen, Steine, Äste und andere Schätze.
Schon bald zeigte sich: Der Spaziergang war weit mehr als nur der Weg zu den vorbereiteten Entdeckungsstationen. Er wurde selbst zu einem der grössten Highlights des Morgens.
Die Kinder betrachteten die Farben der Blätter, rochen den Wald, fühlten runde und kantige Steine und beobachteten, wie diese aus den Körbchen fielen. Sie stellten fest, dass grosse Äste darin keinen Platz fanden, und suchten nach eigenen Lösungen, um sie trotzdem mitzunehmen.
Der Neugier der Kinder folgen
Auch eine Messingstatue mitten auf der Wiese zog die Kinder an. Sie entdeckten, dass sich deren Oberfläche auf der Sonnenseite wärmer anfühlte als im Schatten, probierten aus, wie viele Körbchen die Statue halten konnte, und stellten Fragen zum menschlichen Körper.
Am verwunschenen Weiher boten Enten, Spinnen, Mücken, die Wasserfontäne und der weicher werdende Boden weitere Forschungsanlässe: Wie nahe kann ich ans Wasser gehen, ohne nasse Schuhe zu bekommen? Weshalb wird der Boden immer weicher? Und wie warm ist das Wasser?
Weil die Erwachsenen sich Zeit nahmen, den Interessen der Kinder zu folgen, entstanden aus alltäglichen Beobachtungen immer neue Fragen und Erfahrungen.
«Der Weg ist das Ziel» wurde an diesem Morgen unmittelbar spürbar. Einige Begleitpersonen erzählten im Anschluss, dass ihnen diese Erfahrung die Augen geöffnet habe. Sie möchten sich auch in ihrem oft hektischen Alltag bewusster Zeit nehmen, um dem Tempo und der Neugier ihrer Kinder zu folgen.
Sammeln, sortieren und Lösungen finden
Bei den vorbereiteten Stationen breiteten die Kinder ihre Naturschätze aus, sortierten sie nach Farbe, Grösse oder Beschaffenheit und untersuchten, was gross oder klein, hart oder weich war.
Eine Klebefolie lud dazu ein, aus den Fundstücken Bilder entstehen zu lassen. Doch nicht alles blieb daran haften. Wie lässt sich ein grosser Ast trotzdem befestigen? Oder eignet er sich besser für eine andere Station? Solche kleinen Widerstände regten dazu an, eigene Lösungen zu entwickeln.
Auf einer Holzplatte mit unterschiedlich grossen Öffnungen konnten die Kinder ihre Fundstücke hineinstecken. Dabei entstanden neue Fragen: Weshalb passt der Finger in ein Loch, der Lieblingsstein aber nicht?
Besonders faszinierend war ein Plexiglaskasten, in den die gesammelten Gegenstände hineinfielen. Manche erreichten schnell und mit einem Geräusch den Boden, andere blieben stecken. Die entstandenen Zwischenräume luden zum Weiterforschen ein: Kann man die Gegenstände hinunterdrücken? Wie – und womit?
Genau hinschauen und FLOW erkennen
Diese Momente boten Gelegenheit, gemeinsam mit den Begleitpersonen genau hinzuschauen: Was macht das Kind gerade? Wie geht es dabei vor? Wann ist Unterstützung hilfreich – und wie kann sie so gestaltet werden, dass das Erfolgserlebnis beim Kind bleibt?
Die Erwachsenen wurden darin bestärkt, nicht vorschnell einzugreifen, sondern den Kindern Zeit zu lassen, sie bei der Suche nach eigenen Lösungen zu begleiten und ihre Entdeckungen gemeinsam zu feiern.
So entstanden zahlreiche FLOW-Momente – bei den Kindern ebenso wie bei den Erwachsenen. Für Nicole Rocchetti war es ein besonderes Highlight, die Begleitpersonen genau in diesen Augenblicken auf die tiefe Konzentration ihrer Kinder aufmerksam zu machen.
Wie nachhaltig eine solche Erfahrung wirken kann, zeigte die Reaktion einer Mutter, die sich am Ende mit Tränen und einer Umarmung bedankte:
«Es braucht ja gar nicht viel: Zeit, Präsenz und echte Neugierde.»
«Natur. Und du?» machte erlebbar, wie aus Zeit, Aufmerksamkeit und einer offenen Haltung wertvolle Bildungsräume entstehen. Kinder und Erwachsene erforschten gemeinsam die Natur und entdeckten, dass die stärksten Erfahrungen manchmal genau dort entstehen, wo kein festes Ziel und kein vorgegebenes Ergebnis warten.
Fotos: Nicole Rocchetti