«Räume der Freiheit, des Staunens und des Schaffens von Möglichkeiten» – ein Gespräch mit Irene Fernández Álvarez, Gründerin von Createctura

Mit diesem Interview freuen wir uns, Irene Fernández Álvarez, der Gründerin von Createctura – Künstlerin, Architektin, Forscherin und Dozentin aus Spanien – eine Stimme zu geben. Seit vielen Jahren engagiert sie sich für die Entwicklung sensibler, künstlerischer und partizipativer Ansätze in der frühen Kindheit.

Wir begegneten Irene im Petit Théâtre Lausanne rund um die Installation BLĀO sowie im Rahmen eines Abends, der ihrer pädagogischen Herangehensweise gewidmet war. In diesem Gespräch teilt sie wertvolle Gedanken zur Kreativität, zur ästhetischen Bildung, zur Gestaltung und Transformation von Räumen sowie zur Rolle von Erwachsenen – nicht als Anleitende, sondern als achtsame Begleitende.

Im Verlauf des Interviews spricht sie zudem über die Entstehung von Createctura, ihren Blick auf Kindheit, die «Multivers-Pädagogik», Fragen kultureller Teilhabe von Anfang an sowie über die Haltungsveränderungen, die dies für Fachpersonen und Familien mit sich bringt.

Ein inspirierendes Gespräch, das tief mit der Haltung und den Leitsätzen von Lapurla in Resonanz steht.

Fotos: Irene Fernandez – CREATECTURA

Fotos: Irene Fernandez – BLĀO

Interview

Dein beruflicher Weg ist sehr einzigartig: Architektur, Design, Musik, bildende Kunst … Wie ist Createctura entstanden?

«Createctura ist aus einer zutiefst persönlichen Suche entstanden. Am Anfang stand weder ein theoretisches Projekt noch der Wunsch, eine ‚Methodik‘ zu entwickeln. Vielmehr war es die sehr direkte Auseinandersetzung mit der Bildungswelt – durch mein eigenes Kind und meine persönlichen Erfahrungen – sowie das Gefühl, dass sich viele Kinder ständig an Strukturen anpassen mussten, die auf eine sehr künstliche Weise gedacht sind.

Als Architektin fragte ich mich, ob das Problem nicht auch in den Räumen selbst liegt: in ihrer Starrheit, in der Art und Weise, wie sie Beziehungen, Rhythmen, Verhaltensweisen und sogar Emotionen organisieren. Ich begann darüber nachzudenken, wie Design dazu beitragen könnte, lebendigere, sensiblere Umgebungen zu schaffen, die menschliche Vielfalt besser aufnehmen können.

Der eigentliche Wendepunkt kam in dem Moment, als ich spürte, dass der Eintritt in das Bildungssystem zunehmend eher als Verlust denn als Entfaltung erlebt wurde. Das führte bei mir zu einer tiefgreifenden Auseinandersetzung mit dem vorherrschenden Bildungsmodell – aber auch mit unserer Art, Lernräume zu bewohnen und zu gestalten.

Createctura hat sich schrittweise aus dieser Suche heraus entwickelt. Im Laufe der Jahre haben wir verschiedene Ansätze und Werkzeuge entwickelt, wie bewohnte Szenografien (scénographies habitées), ephemere Kompositionen oder pädagogische Multiversen. Dabei handelt es sich nicht um starre Rezepte, sondern um unterschiedliche Wege, die Beziehungen zwischen Raum, Kreativität, Kindheit, Kultur und Lernen neu zu denken.»

Bei Lapurla sprechen wir viel über ästhetische Bildung von Geburt an. Welchen Stellenwert hat das Ästhetische in deiner Arbeit?

«Für mich bedeutet Ästhetik nicht einfach nur, ’schöne Räume‘ zu schaffen. Ich spreche von Ästhetik in ihrem tieferen Sinn – verbunden mit Wahrnehmung und damit, wie wir die Welt über den Körper, die Sinne, das Licht, Materialien, Klänge oder Atmosphären erleben.

Wir alle wissen intuitiv, dass uns manche Räume beruhigen, während andere uns sofort stressen. Licht, Geräusche, Proportionen, Farben, Texturen oder die Art und Weise, wie ein Ort gestaltet ist, beeinflussen unseren emotionalen Zustand sowie unsere Fähigkeit zur Aufmerksamkeit, Beziehung und Kreativität zutiefst. Heute zeigen zudem zahlreiche Studien den tatsächlichen Einfluss von Umgebungen auf das Nervensystem, das Wohlbefinden und Lernprozesse.

Ich bin überzeugt, dass Schönheit ein grundlegendes menschliches Bedürfnis ist – und kein Luxus. Kinder brauchen Räume, die ihnen Sorge tragen, ihre Sensibilität und Neugier wecken sowie ihre ästhetische Bildung fördern. Ebenso wichtig ist es, ihr Gefühl zu stärken, Teil der Welt zu sein.

Dahinter steht auch eine kulturelle und politische Dimension. Die Räume, die wir gestalten, erzählen immer etwas über die Gesellschaft, die wir erschaffen möchten. Wenn wir sensiblere, harmonischere und gemeinschaftlichere Umgebungen schaffen, vermitteln wir zugleich andere Formen des Zusammenlebens.

Was mich besonders interessiert, ist die Idee, dass Räume nicht einfach Orte sind, die wir passiv konsumieren. Es sind lebendige Umwelten, die wir gemeinsam erschaffen, verwandeln und bewohnen. Kinder sollen spüren können, dass auch sie die Fähigkeit haben, auf ihre Umgebung einzuwirken.»

Du sprichst oft von der Rolle der erwachsenen Person als ‚aktive:r Beobachter:in‘ statt von Anleitung oder Führung. Warum ist dieser Perspektivenwechsel so wichtig?

«Weil er bedeutet, vieles grundlegend infrage zu stellen, was wir lange als selbstverständlich in der Bildung betrachtet haben.

Traditionelle Bildung beruht häufig auf einer sehr vertikalen Logik: Die erwachsene Person weiss, das Kind weiss nicht; die erwachsene Person führt, das Kind folgt. In unserem Ansatz versuchen wir hingegen, von den Kompetenzen der Kinder auszugehen. Das bedeutet nicht, dass die erwachsene Person verschwindet oder keine Rolle mehr spielt – im Gegenteil. Aber ihre Rolle verändert sich tiefgreifend.

Die erwachsene Person wird vielmehr zu einer achtsamen Präsenz, zu einer aktiven Beobachterin oder einem aktiven Beobachter, zu einer Begleitperson, die zuhören kann, anregende Umgebungen vorbereitet, offene Situationen ermöglicht und Prozesse begleitet, ohne ständig alles kontrollieren zu wollen.

Das ist für Fachpersonen oft verunsichernd, weil es bedeutet, sich von einer bestimmten Vorstellung von Kontrolle zu lösen und anzunehmen, dass Lernen auch unerwartete Wege nehmen kann.

Ich glaube jedoch, dass Kinder Erwachsene brauchen, die wirklich zuhören können, die beobachten, bevor sie eingreifen, und die Vertrauen in Prozesse des Forschens, Spielens und Entdeckens haben.»

Du verwendest Begriffe wie ‚pädagogische Multiversen‘ oder ‚bewohnte Szenografien‘. Was bedeuten sie konkret?

«Die pädagogischen Multiversen sind aus einer Auseinandersetzung mit menschlicher Vielfalt und der Notwendigkeit entstanden, sich von schulischer Uniformität zu lösen.

Lange Zeit beruhte Schule auf der Vorstellung, dass alle zur gleichen Zeit, auf die gleiche Weise und mit denselben Mitteln dasselbe tun sollten. Die menschliche Realität ist jedoch viel komplexer. Wir haben nicht alle dieselben Rhythmen, Sensibilitäten, Interessen oder dieselben Arten, mit der Welt in Beziehung zu treten.

Ein pädagogisches Multiversum ist ein Raum, in dem verschiedene Realitäten gleichzeitig in einer Form von Harmonie nebeneinander bestehen können. Es kann unterschiedliche Ebenen von Aktivität, verschiedene Intensitäten, Materialien sowie unterschiedliche Arten geben, Räume zu bewohnen und zu lernen.

Es handelt sich nicht um ein Chaos von Angeboten, sondern vielmehr um eine relationale Ökologie, in der unterschiedliche Möglichkeiten nebeneinander existieren können.

Die bewohnten Szenografien gehen in eine ähnliche Richtung. Wir versuchen, Räume als lebendige, wandelbare und immersive Landschaften zu denken – Räume, die Imagination, Kreativität und Beziehung anregen können. Die Grenze zwischen Kunst, Spiel, Architektur und Pädagogik wird dadurch deutlich durchlässiger.»

Createctura ist heute weit über Spanien hinaus bekannt, insbesondere in den frankophonen Ländern. Wie erklärst du dir diese internationale Resonanz?

«Ich glaube, dass viele Fachpersonen heute das Bedürfnis verspüren, Bildungsräume und die Art und Weise, wie wir Kindheit begleiten, grundlegend zu verändern.
Auch wenn wir mit Menschen aller Altersgruppen arbeiten – von der frühen Kindheit über Jugendliche bis hin zu Familien, Kunstschaffenden oder pädagogischen Teams –, ist es tatsächlich so, dass unsere Arbeit in den frankophonen Ländern vor allem im Bereich der frühen Kindheit bekannt geworden ist.
Ich glaube, diese Resonanz entsteht daraus, dass wir nicht einfach nur Aktivitäten oder ästhetische Raumgestaltungen anbieten. Wir versuchen vielmehr, eine andere Art vorzuschlagen, die Beziehung zwischen Raum, Kultur, Kreativität, Ökologie und Lernen zu denken.
Und vor allem spüren heute viele Fachpersonen eine Müdigkeit gegenüber sehr starren, stark normierten oder beschleunigten Systemen. Sie suchen nach Räumen, die menschlicher, sensibler und lebendiger sind.»

Wenn du Fachpersonen aus der frühen Kindheit nur eine einzige Botschaft mitgeben könntest – welche wäre das?

«Zunächst würde ich ihnen sagen, dass ihre Arbeit von grundlegender Bedeutung ist und noch immer nicht ausreichend anerkannt wird.

Ihre Rolle sollte niemals als rein betreuend verstanden werden. Kinder verbringen heute sehr viele Stunden in diesen Räumen, und das, was sie dort erleben, hat einen enormen Einfluss auf ihre Entwicklung, ihre emotionale Sicherheit, ihre Kreativität und ihre Beziehung zur Welt.

Ich bin aufrichtig überzeugt, dass Fachpersonen der frühen Kindheit eine der wichtigsten Aufgaben unserer Gesellschaft erfüllen.

Und meinerseits – als Architektin und Gestalterin pädagogischer Räume – ist es genau mein Wunsch, sie dabei zu begleiten. Nicht, ihren Alltag durch abstrakte Theorien oder schwer umsetzbare Konzepte komplizierter zu machen, sondern im Gegenteil dazu beizutragen, Umgebungen zu schaffen, die ihre Arbeit fliessender, reichhaltiger, sensibler und menschlicher machen – sowohl für die Kinder als auch für die Erwachsenen.»

Vielen Dank für das Interview!
19.05.2026