Interview mit den Gründerinnen

Karin Kraus & Jessica Schnelle

Hochschule der Künste Bern HKB & Migros Kulturprozent

Sie haben die nationale Initiative Lapurla ins Leben gerufen: Karin Kraus (links) von der Hochschule der Künste Bern, und Jessica Schnelle vom Migros-Genossenschafts-Bund. Im Garten der Stadionbrache Hardturm in Zürich sprechen sie über die kulturelle Teilhabe der Jüngsten und wie diese gefördert werden kann.

Lapurla
Foto: Kathrin Schulthess
«Wir leben in einer Welt, in der Freiräume für Kinder zunehmend verschwinden.»

Karin Kraus

Ihr bezeichnet Lapurla als nationale Initiative: Hat das einen politischen Hintergrund?

 

Jessica Schnelle: Auch, ja. Es braucht bildungs- und kulturpolitische Rahmenbedingungen, damit die jüngsten Kinder als kulturelle Wesen wahrgenommen werden und dadurch an unserer Kultur und Gesellschaft teilhaben können. Aber Lapurla ist nicht nur politisch, sondern will auch Denkmuster verändern.

 

Karin Kraus: In der Schweiz beginnt Bildung offiziell erst mit dem Kindergarteneintritt, also ab dem Alter von vier Jahren. Aus der Entwicklungspsychologie wissen wir jedoch, dass sich Kinder durch die Auseinandersetzung mit der Aussenwelt selber bilden – und das beginnt schon im Mutterleib. Die Initiative Lapurla will Rahmenbedingungen schaffen, damit Kinder ihrem intrinsisch motivierten Entdecker- und Forscherdrang nachgehen können. Denn wir leben in einer Welt, in der Freiräume für Kinder zunehmend verschwinden.

 

Wie sehen diese Freiräume für die Jüngsten bei Lapurla konkret aus?

 

JS: Bei unseren ersten Modellprojekten sind in der Pilotphase zwei Fachbereiche involviert: die Frühe Förderung und die Kultur – also eine Kita oder Spielgruppe und ein Museum, Theater oder Kunstschaffende. Die eine Seite versteht die Bedürfnisse der Kinder, die andere weiss, was Räume, Kunst und Material bieten. Mit der Initiative Lapurla verbinden wir diese Kompetenzen. Ideal ist, wenn beide Seiten bereit sind, sich aufeinander einzulassen und einen ko-konstruktiven Weg zu gehen. Dann können alle Beteiligten sehr viel voneinander lernen.

 

KK: Die Jüngsten sollen nicht nur auf dem Spielplatz willkommen sein, sondern auch an kulturell bedeutenden Orten.

«Es geht um das, was das Kind fasziniert. Und darum, wie wir das herausfinden und darauf reagieren können.»

Jessica Schnelle

Gibt es schon erste Erkenntnisse aus laufenden Projekten?

 

KK: Es ist entscheidend, dass sich Kinder Zeit nehmen dürfen, um zu einem fremden Ort, wie zum Beispiel einem Kunstmuseum, Vertrauen aufzubauen. Denn sie sehen die Welt mit anderen Augen, alles ist neu für sie. Das zeigt sich schon, wenn eine Kindergruppe im Museum ankommt: Die erste Faszination ist vielleicht bereits die grosse Eingangstür, die automatisch auf und zu geht. Erst wenn die Kinder regelmässig wiederkommen, können sie Vertrauen und eine Beziehung aufbauen – und sind bereit, sich auf die Werke einzulassen. Sonst werden sie überreizt und sind rasch übermüdet: Erwachsene meinen dann, die Kinder seien halt zu jung für Kunst, dabei liegt es an uns, da wir ihre Bedürfnisse missachten. Darum braucht es einen Paradigmenwechsel: Wir sollten uns nicht überlegen, was die Kinder interessieren könnte, sondern einfach genau hinsehen und -hören, was sie uns signalisieren, und darauf eingehen. 

 

JS: Diese Erkenntnis ist grundlegend und gilt auch für die Erwachsenenwelt: Wenn wir gemeinsam mit anderen Menschen etwas erreichen wollen, müssen wir an die Lebenswelt des Gegenübers anknüpfen. Doch vielfach funktioniert es heute – gerade in der Kultur – immer noch anders: Wir fokussieren uns auf den Inhalt oder das Werk, nicht aber auf das Gegenüber. Obwohl uns der Austausch viel mehr zurückgeben und uns weiterbringen würde!

 

Ihr seid beide auch Mütter. Hat die Arbeit mit Lapurla euren eigenen Erziehungsstil verändert?

 

JS (lacht): Oh ja – ich habe viel gelernt durch Lapurla. Kürzlich sind wir in die Ferien gefahren. Früher hätte ich tonnenweise Lego und andere Spielsachen für meinen Sohn eingepackt, jetzt verlasse ich mich darauf, dass er einfach mit dem spielt, was da ist, mit der Natur, seiner Umgebung. Oder ich beobachte seine Hingabe, wie er als Dreijähriger mit einem Stift durch das Papier bohrt, und versuche nicht, ihn zu überreden, «etwas Schönes» zu malen. Es geht um das, was das Kind fasziniert. Und darum, wie wir das herausfinden und darauf reagieren können.

 

KK: Es braucht Mut und Gelassenheit, das Leistungsdenken unserer Gesellschaft nicht schon aufs Kleinkind zu übertragen. Ist es nicht viel interessanter, einfach mal zu schauen, was das Kind interessiert und daraus aus dem Moment heraus etwas entstehen zu lassen? Löcher ins Papier bohren fanden auch meine Jungs spannend, solche «Forschungsprojekte» können sehr viel Spass machen, wenn ich mich als Mutter oder Vater darauf einlasse und mitexperimentiere.