Lapurla

Über uns

Wegbereiter & Partner

Lapurla wurde 2017 vom Migros-Kulturprozent und der Hochschule der Künste Bern HKB initiiert, um kreative Freiräume für Kinder von 0–4 Jahren zu schaffen. Die Co-Leiterinnen Jessica Schnelle und Karin Kraus werden von einem Beirat unterstützt. Lapurla befindet sich in der Pilotphase. Bereits konnte eine Vielzahl an Partnern aus den Bereichen Frühe Kindheit und Kultur gewonnen werden.

Lapurla
Sie haben die nationale Initiative Lapurla ins Leben gerufen: Karin Kraus (links) von der Hochschule der Künste Bern, und Jessica Schnelle vom Migros-Genossenschafts-Bund. Im Garten der Stadionbrache Hardturm in Zürich sprechen sie über die kulturelle Teilhabe der Jüngsten und wie diese gefördert werden kann.
«Ko-Kreativität ist die höchste Form von Kreativität, die wir entwickeln können!»

Gerald Hüther, Neurologe, 2019

Interview mit den Gründerinnen

«Wir leben in einer Welt, in der Freiräume für Kinder zunehmend verschwinden.»

Karin Kraus

Ihr bezeichnet Lapurla als nationale Initiative: Hat das einen politischen Hintergrund?

 

Jessica Schnelle: Auch, ja. Es braucht bildungs- und kulturpolitische Rahmenbedingungen, damit die jüngsten Kinder als kulturelle Wesen wahrgenommen werden und dadurch an unserer Kultur und Gesellschaft teilhaben können. Aber Lapurla ist nicht nur politisch, sondern will auch Denkmuster verändern.

 

Karin Kraus: In der Schweiz beginnt Bildung offiziell erst mit dem Kindergarteneintritt, also ab dem Alter von vier Jahren. Aus der Entwicklungspsychologie wissen wir jedoch, dass sich Kinder durch die Auseinandersetzung mit der Aussenwelt selber bilden – und das beginnt schon im Mutterleib. Die Initiative Lapurla will Rahmenbedingungen schaffen, damit Kinder ihrem intrinsisch motivierten Entdecker- und Forscherdrang nachgehen können. Denn wir leben in einer Welt, in der Freiräume für Kinder zunehmend verschwinden.

 

Wie sehen diese Freiräume für die Jüngsten bei Lapurla konkret aus?

 

JS: Bei unseren ersten Modellprojekten sind in der Pilotphase zwei Fachbereiche involviert: die Frühe Förderung und die Kultur – also eine Kita oder Spielgruppe und ein Museum, Theater oder Kunstschaffende. Die eine Seite versteht die Bedürfnisse der Kinder, die andere weiss, was Räume, Kunst und Material bieten. Mit der Initiative Lapurla verbinden wir diese Kompetenzen. Ideal ist, wenn beide Seiten bereit sind, sich aufeinander einzulassen und einen ko-konstruktiven Weg zu gehen. Dann können alle Beteiligten sehr viel voneinander lernen.

 

KK: Die Jüngsten sollen nicht nur auf dem Spielplatz willkommen sein, sondern auch an kulturell bedeutenden Orten.

«Es geht um das, was das Kind fasziniert. Und darum, wie wir das herausfinden und darauf reagieren können.»

Jessica Schnelle

Gibt es schon erste Erkenntnisse aus laufenden Projekten?

 

KK: Es ist entscheidend, dass sich Kinder Zeit nehmen dürfen, um zu einem fremden Ort, wie zum Beispiel einem Kunstmuseum, Vertrauen aufzubauen. Denn sie sehen die Welt mit anderen Augen, alles ist neu für sie. Das zeigt sich schon, wenn eine Kindergruppe im Museum ankommt: Die erste Faszination ist vielleicht bereits die grosse Eingangstür, die automatisch auf und zu geht. Erst wenn die Kinder regelmässig wiederkommen, können sie Vertrauen und eine Beziehung aufbauen – und sind bereit, sich auf die Werke einzulassen. Sonst werden sie überreizt und sind rasch übermüdet: Erwachsene meinen dann, die Kinder seien halt zu jung für Kunst, dabei liegt es an uns, da wir ihre Bedürfnisse missachten. Darum braucht es einen Paradigmenwechsel: Wir sollten uns nicht überlegen, was die Kinder interessieren könnte, sondern einfach genau hinsehen und -hören, was sie uns signalisieren, und darauf eingehen. 

 

JS: Diese Erkenntnis ist grundlegend und gilt auch für die Erwachsenenwelt: Wenn wir gemeinsam mit anderen Menschen etwas erreichen wollen, müssen wir an die Lebenswelt des Gegenübers anknüpfen. Doch vielfach funktioniert es heute – gerade in der Kultur – immer noch anders: Wir fokussieren uns auf den Inhalt oder das Werk, nicht aber auf das Gegenüber. Obwohl uns der Austausch viel mehr zurückgeben und uns weiterbringen würde!

 

Ihr seid beide auch Mütter. Hat die Arbeit mit Lapurla euren eigenen Erziehungsstil verändert?

 

JS (lacht): Oh ja – ich habe viel gelernt durch Lapurla. Kürzlich sind wir in die Ferien gefahren. Früher hätte ich tonnenweise Lego und andere Spielsachen für meinen Sohn eingepackt, jetzt verlasse ich mich darauf, dass er einfach mit dem spielt, was da ist, mit der Natur, seiner Umgebung. Oder ich beobachte seine Hingabe, wie er als Dreijähriger mit einem Stift durch das Papier bohrt, und versuche nicht, ihn zu überreden, «etwas Schönes» zu malen. Es geht um das, was das Kind fasziniert. Und darum, wie wir das herausfinden und darauf reagieren können.

 

KK: Es braucht Mut und Gelassenheit, das Leistungsdenken unserer Gesellschaft nicht schon aufs Kleinkind zu übertragen. Ist es nicht viel interessanter, einfach mal zu schauen, was das Kind interessiert und daraus aus dem Moment heraus etwas entstehen zu lassen? Löcher ins Papier bohren fanden auch meine Jungs spannend, solche «Forschungsprojekte» können sehr viel Spass machen, wenn ich mich als Mutter oder Vater darauf einlasse und mitexperimentiere.

Vision & Ziele

Die nationale Initiative Lapurla will erreichen, dass Kinder von 0-4 Jahren in Kulturinstitutionen willkommen sind: Der Besuch eines Museums oder Konzerts sollte so natürlich sein wie der Ausflug auf den Spielplatz. Zudem wollen wir dazu beitragen, dass die schöpferische Kraft von Kindern anerkannt wird: Unser Ideal ist eine gemeinsame Interpretation der Welt, kreiert von Erwachsenen und Kindern in einem generationenverbindenden Dialog.

 

Das Umfeld von Kleinkindern soll deren kulturelle Bildung und Teilhabe als eine selbstverständliche, gesellschaftliche Aufgabe begreifen. Denn durch sinnliche Erfahrungen stärken sie ihre Wahrnehmungsfähigkeit, ihre Selbstwirksamkeit und ihre Resilienz. Und davon profitiert die ganze Gesellschaft: Wir brauchen kreative und mutige Persönlichkeiten, um schlüssige Antworten auf gesellschaftliche Herausforderungen zu finden.

«Wir brauchen kreative und mutige Persönlichkeiten, um schlüssige Antworten auf gesellschaftliche Herausforderungen zu finden.»

Jessica Schnelle

Bis heute fehlen kleinkindgerechte kulturelle Lernformate in der Schweiz. Sowohl die UN-Kinderrechtskonvention als auch die Kulturbotschaft des Bundes 2016–2020 verlangen, dass Kinder ab Geburt am kulturellen Leben teilhaben. Darum liefert die Initiative Lapurla entsprechende Ansätze und Modellprojekte.

 

Auf diese Meilensteine arbeiten wir hin:

 

  • Die interdisziplinäre, lokale Zusammenarbeit zwischen frühpädagogischen Einrichtungen und Akteuren aus der Kultur sind präsent und langfristig angelegt.
     
  • In politischen Gremien und Behörden werden Zuständigkeiten geschaffen und finanzielle Mittel für diese Zusammenarbeit gesprochen.
     
  • Kulturelle Bildung ist fester Bestandteil in allen Curricula frühpädagogischen Personals sowie in pädagogischen Konzepten.
     
  • Bezugspersonen von Kleinkindern wissen, wie sie vielfältige ästhetische Erfahrungen ermöglichen können.

Vorgeschichte

Die Hochschule der Künste Bern HKB und die Direktion Kultur und Soziales des Migros-Genossenschafts-Bundes haben sich den Empfehlungen der Fokuspublikation «Ästhetische Bildung und Kulturelle Teilhabe – von Anfang an!» (Netzwerk Kinderbetreuung Schweiz/Hochschule der Künste Bern 2017) angenommen, die einen sinnlich-basalen Zugang zu Kunst und Kultur ab der frühen Kindheit postuliert. Die Fokuspublikation mit dem Lancierungsanlass im Mai 2017 sowie die vorausgehende Dialogveranstaltung wurden 2016 vom Migros-Kulturprozent und vom Bundesamt für Kultur unterstützt. Mit der nationalen Initiative Lapurla übernehmen die beiden Institutionen als Kooperationspartner der Bereiche Kultur und Soziales Verantwortung für das interdisziplinäre Handlungsfeld. Sie nehmen eine wichtige Pionierrolle ein, um in der Schweiz die frühkindliche kulturelle Bildung nachhaltig zu implementieren. 

Trägerschaft

Migros-Kulturprozent
Das Migros-Kulturprozent ist ein freiwilliges, in den Statuten verankertes Engagement der Migros, das in ihrer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft gründet. Es verpflichtet sich dem Anspruch, der Bevölkerung einen breiten Zugang zu Kultur und Bildung zu verschaffen, ihr die Auseinandersetzung mit der Gesellschaft zu ermöglichen und die Menschen zu befähigen, an den sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Veränderungen zu partizipieren. Tragende Säulen sind die Bereiche Kultur, Gesellschaft, Bildung, Freizeit und Wirtschaft. www.migros-kulturprozent.ch 

 

Die Abteilung Soziales setzt sich mit nationalen Modellvorhaben in verschiedenen, interdisziplinären sozialen Themen für Impulse in der Gesellschaft ein, wo ein dringender Handlungsbedarf besteht und soziale Innovation gefragt ist. Im Zentrum der Aktivitäten steht die Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts. www.migros-kulturprozent.ch/soziales 

 

Hochschule der Künste Bern HKB
Als erste transdisziplinäre Kunsthochschule der Schweiz bietet die Hochschule der Künste Bern HKB ein vielfältiges Studienangebot in den Fachbereichen Musik, Gestaltung und Kunst, Konservierung und Restaurierung, Theater/Oper sowie Literatur. Sie ermöglicht ihren Studierenden eine über alle drei akademischen Bildungsstufen führende Ausbildung bis hin zum Doktoratsprogramm und legt Wert auf eine Lehre, die den Wandel der Berufswelt berücksichtigt. www.hkb.bfh.ch

 

Die Initiative Lapurla ist an der HKB seit 2019 im BFH-Zentrum Arts in Context angegliedert. Damit kann eine transdisziplinäre und wissenschaftliche Vernetzung von Lehre, Weiterbildung und Forschung systematisch aufgebaut werden. Die fachliche Expertise und ein sich stetig erweiterndes Praxisfeld werden durch die Einbindung des CAS Kulturelle Bildung in Lapurla gewährleistet.

Beirat

Die Beiratsmitglieder vertreten Institutionen aus den Bereichen Kultur und/oder Soziales, die sich für die Entwicklung des Themas kulturelle Teilhabe ab Geburt pionierhaft engagieren. Sie agieren in ihrem Umfeld als BotschafterInnen für das Thema und stehen der Co-Leitung der Initiative Lapurla beratend zur Seite.
 

  • Heinz Altorfer, Mitglied Schweizerische UNESCO-Kommission; Präsident Verein Stimme Q; Co-Träger Ready!
     
  • Sandrine Bauvard, Sécrétaire générale, Pro Enfance
     
  • Sibylle Birrer-Bähr, Vorsteherin der Abteilung Kulturförderung, Erziehungsdirektion des Kantons Bern, Amt für Kultur/Kulturförderung
     
  • Franziska Dürr, Leitung Lehrgang CAS Kuverum, Pädagogische Hochschule FHNW, Projektleitung «GiM – Generationen im Museum»
     
  • Andrea Ferretti, Leitung Weiterbildungsschwerpunkt Musikpädagogik, Hochschule der Künste Bern HKB
     
  • Nicole Grieve, Conseil et partenariats en Suisse romande, Pro Infirmis, Fachstelle Kultur inklusiv; Vorstandsmitglied Kulturvermittlung Schweiz
     
  • Markus Guhn, Präsident Verein Orte für Kinder; Leiter Kita Regenbogen Zürich; Vorstandsmitglied Kibesuisse
     
  • Andrea Kammerer, Koordination Frühe Förderung (SSD), Stadt Zürich, Schulamt, Frühe Förderung
     
  • Dieter Schürch, Mitglied Schweizerische UNESCO-Kommission; Ticino Progetto Infanzia; Präsident Dachverband Elternbildung Schweiz
     
  • Roland Scotti, Kurator und Geschäftsführer, Kunstmuseum Appenzell, Heinrich-Gebert-Stiftung Appenzell
     
  • Marion Sontheim, Ausbilderin Bereich Bildung, IG Spielgruppen Bildung GmbH; Redaktorin Fachzeitschrift spielgruppe.ch; Geschäftsleitung Spielgruppe Bären
     
  • Heidi Simoni, Institutsleiterin, Marie Meierhofer Institut für das Kind
     
  • Verena Widmaier, Präsidentin Schweizerischer Verband Künste für Kinder und Jugendliche; Vorstandsmitglied Kulturvermittlung Schweiz

Partner

Praxispartner

Diese Institutionen unterstützen Lapurla, indem sie die Handlungsempfehlung der Fokuspublikation in der Praxis testen und aus der Arbeit praktische Empfehlungen ableiten:

 

Förderpartner

Diese Partner bereiten das Feld dafür, dass innovative Praxisprojekte an der Schnittstelle Kultur und Frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung möglich sind:

 

Partner Romandie und Tessin

Diese Partner unterstützen uns mit der Übersetzung der Fokuspublikation und bereiten mit uns gemeinsam das Feld in der lateinischen Schweiz:
 

Koalition READY!

READY! Frühe Kindheit ist entscheidend

Eine nationale Kampagne für eine Politik der frühen Kindheit.

Die beiden Trägerinstitutionen von Lapurla – Migros-Kulturprozent und Hochschule der Künste Bern – sind beide Koalitionspartner von READY! Damit setzt sich Lapurla kontinuierlich auf allen Ebenen für die Forderungen von READY! ein.

Medienspiegel

Bieler Tagblatt, 20. Juni 2019: «Auch die Kleinsten sollen am kulturellen Leben teilhaben»

 

Mamablog von Jeannette Kuster, Online-Ausgaben Tages-Anzeiger und Basler Zeitung, 01. April 2019: «Keiner zu klein, kreativ zu sein»

 

 

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Lapurla
Karin Kraus (links) ist Dozentin und Studienleiterin des CAS Kulturelle Bildung an der Hochschule der Künste Bern HKB sowie Autorin der Fokuspublikation «Ästhetische Bildung und Kulturelle Teilhabe – von Anfang an!». Jessica Schnelle ist Projektleiterin Soziales bei der Direktion Kultur und Soziales des Migros-Genossenschafts-Bundes in Zürich.