Lapurla

BonBon: Die Jüngsten erleben Gegenwartskunst

Migros Museum für Gegenwartskunst und Kita Regenbogen

Zürich (ZH)

Kleingruppen mit Kindern zwischen 9 und 18 Monaten der Kita Regenbogen besuchen regelmässig das Migros Museum für Gegenwartskunst. Der Besuch der Ausstellung wird gemeinsam zwischen der Kita-Gruppenleiterin sowie der Kulturvermittlerin vorbereitet.

Lapurla
Foto: Karin Kraus

1. Besuchsreihe | Mai–Juni 2018

Ausstellung: TERESA BURGA, Aleatory Structures

2. Besuchsreihe | Oktober–November 2018

Ausstellung: Collection on Display: PIPILOTTI RIST, Show a Leg (Raus aus den Federn), 2001

3. Besuchsreihe | Juni 2019

Ausstellung: STEPHEN WILLATS, Languages of Dissent

Kurzfilme zu «BonBon»

Anhand von Filmclips des Modell-Projekts «BonBon» geben wir exemplarisch Tipps für ein entspanntes Ankommen an einem Kulturort sowie Impulse, wie man – der Neugier von Kleinkindern folgend – auf der gemeinsamen Entdeckungsreise die Sprache fördern und auch Kunst als Spielanlass nutzen kann.

Interview mit der Mutter eines Kita-Kindes

«Mein Kind lernt, offen und neugierig zu sein für Neues. Unbekanntes zu entdecken.»

Julia Langfeld, Mutter von Moritz (2)

Interview: Anina Torrado Lara | Foto: Karin Kraus

Julia Langfeld (38) möchte ihrem Sohn Neugier und Offenheit mit auf den Weg geben. Dem 2-jährigen Moritz gefällt’s: Er ist Stammgast im Migros Museum für Gegenwartskunst und begeistert von Formen, Farben und Drag Queens.

 

Moritz (links im Bild) besucht mit seiner Kita das Migros Museum für Gegenwartskunst.

 

Wie kommt es, dass ein 2-Jähriger schon im Museum ein und aus geht?
Julia Langfeld (Mutter): Moritz ist in der Kita Regenbogen. Die Kleinen besuchen im Rahmen des Modell-Projekts BonBon im Rahmen von «Lapurla» regelmässig das Migros Museum für Gegenwartskunst. Es geht dabei darum, dass die Kinder schon früh eigene Erfahrungen sammeln und ihre Umgebung ohne Vorgabe von Erwachsenen entdecken dürfen.

 

Wann war Moritz’ erstes Mal?
Mit eineinhalb Jahren. Die Kita Regenbogen besuchte drei Mal hintereinander das Migros Museum für Gegenwartskunst in Zürich. Eine Kunstvermittlerin hat den Museumsbesuch kleinkindgerecht gestaltet. Ich finde die Lapurla-Anlässe super, denn die Kinder werden nicht mit Wissen gefüttert, sondern können einfach schauen, anfassen und entdecken.

 

Wie nehmen die Kleinkinder Kunst auf?
Gerade in seinem Alter nimmt Moritz viel aus der Umgebung auf. Die Kita-Betreuerin hat erzählt, dass er sich sehr für die Drag Queens in der Ausstellung von Stephen Willats interessiert hat. Er reagiert besonders stark auf Farben und Gegenstände, die sich bewegen. Die Kinder sind dann auch mit Taschenlampen durch die Ausstellung gelaufen. Beim ersten Besuch war Moritz noch sehr zurückhaltend, doch schon beim zweiten Besuch hat er sich viel mehr getraut.

 

Sind denn so kleine Kinder an kulturellen Orten willkommen?
Wir nehmen Moritz oft an Mittagskonzerte oder in den kleinen Zirkus mit. Selber wäre ich nicht auf die Idee gekommen, mit einem Kleinkind auch in ein Kunstmuseum zu gehen. Wenn es aber erlaubt oder sogar erwünscht ist, würde ich mein Kind ermuntern, mit der Ausstellung auf seine Weise zu interagieren. Und wenn man nichts anfassen darf, erkläre ich Moritz die Ausstellung halt mit meinen Worten. 

 

Was lernt Moritz dabei?
Mein Kind lernt, offen und neugierig zu sein für Neues. Unbekanntes zu entdecken. Moritz wird andersdenkende Menschen und andere Kulturen mit einem positiven Blick betrachten. Wir wollen ihm mitgeben, dass es so viele tolle und schöne Dinge im Leben gibt!

 

 

Interview mit den beiden Pionierinnen

«Man merkte ihnen an, dass jetzt ein Prozess stattfindet, dass sie die Kunst aufnehmen und verarbeiten.»

Bea Fröhlich

Cynthia Gavranic, Kunstvermittlerin beim Migros Museum für Gegenwartskunst und Bea Fröhlich, Erzieherin in der Kita Regenbogen sind mittlerweile ein eingespieltes Team. Denn sie haben bereits zwei Ausstellungen mit einer Kleingruppe von Kindern zwischen 9 und 22 Monaten gemeinsam erforscht.

 

Bea Fröhlich (links) war bis September 2019 Erzieherin in der Kita Regenbogen, Cynthia Gavranic ist Kunstvermittlerin im Migros Museum für Gegenwartskunst. Foto: Ariel Leuenberger

 

Wieso machen eure Institutionen mit bei Lapurla?


Cynthia Gavranic: Wir wollen dazulernen. Kinder unter 2 Jahren sind eine Zielgruppe, die wir noch nie direkt angesprochen haben und die wir ohne kompetenten Partner wie die Kita auch nicht ansprechen könnten. Das ist für uns eine ganz grosse Herausforderung, die wir annehmen wollten.


Bea Fröhlich: Ich arbeite seit 10 Jahren mit Kindern von 0–2 Jahren und ich weiss: Sie werden masslos unterschätzt. Für mich war immer klar, dass sie auch dem Museum für Gegenwartskunst etwas abgewinnen können. Es ist eine unglaubliche Bereicherung für alle, wenn sich diese Kinder an Orten aufhalten, die eigentlich nicht für sie gemacht sind. Und das wollte ich allen zeigen.
 

Welche schönen und überraschenden Momente habt ihr dabei erlebt?

BF: Es gab Momente, wo die Kinder wirklich sehr stark auf die Kunstwerke reagierten – so habe ich das nicht erwartet. Man merkte ihnen an, dass jetzt ein Prozess stattfindet, dass sie die Kunst aufnehmen und verarbeiten. Es ist sehr schön, zu sehen, dass sie sich an diesem Ort, der riesig und angsteinflössend ist, mit der Zeit wohl fühlen, sich den aneignen.

 

CG: Ein Kind war 16 Monate alt. Es kam auch mit seiner Mutter ins Museum und führte diese von Bild zu Bild, zeigte ihr das Museum, zog sie durch die Räume. Das ist auch ein Beweis, dass unsere Theorie funktioniert: Über die Kita-Besuche bringen wir neue Leute ins Museum. Zuerst waren viele sehr skeptisch gegenüber dieser Idee. Sie sagten: Das spielt doch für die Kleinen keine Rolle, ob sie jetzt auf dem Spielplatz sind oder im Museum, die kriegen ja gar nichts mit von der Kunst. Es fehlt einem schlicht das Vorstellungsvermögen, was Säuglinge in einem Museum machen könnten. Und dann zu sehen: Aha, das machen sie! 

 

Was braucht es, damit eine solche Zusammenarbeit funktioniert?

BF: Wir haben immer dieselben Kinder mitgenommen, waren bedacht auf ihre Grundbedürfnisse, hatten immer dasselbe Setting und dasselbe Personal. Das gibt Sicherheit. Dazu braucht es einen starken Willen und die Begeisterung von beiden Seiten: Man muss immer im Gespräch sein, damit es für beide umsetzbar ist, sowohl im Kita-Alltag als auch im Museumsalltag. Wir besuchten uns gegenseitig: Ich schaute mir die Ausstellung an, wir gingen zusammen auf den Knien durchs Museum. Und Cynthia kam zu uns in die Krippe.

 

CG: Wenn das Projekt getragen wird von gegenseitigem Wohlwollen und Wertschätzung, dann strahlt das aus. Die Kinder merken, dass wir uns mögen und gut verstehen, die Eltern merken es und unser ganzes Umfeld. Das ist ein Faktor, der nicht unterschätzt werden sollte. Und es braucht Offenheit: Vielleicht interessiert der Alarmknopf oder der Lift mehr als die Kunst. Dafür müssen wir offen sein. Wir sind nicht erpicht darauf, den Kindern in erster Linie Kunst zu vermitteln, sondern wir wollen, dass sie diesen Ort erleben können, mit allem was dazu gehört.

 

Interview: Ariel Leuenberger

Steckbrief Projekt BonBon

Projektpartner

Migros Museum für Gegenwartskunst
Limmatstrasse 270
8005 Zürich

 

Kita Regenbogen
Josefstrasse 212
8050 Zürich

Beteiligte Personen

Anina Fruet (Lernende FaBe Kita Regenbogen, Nachmittagsteam Gruppe Blau), Markus Guhn (Leiter Kita Regenbogen), Eltern, Verwandte und weitere Bezugspersonen der Kinder, Heike Munder (Direktorin Migros Museum für Gegenwartskunst), Alena Nawrotzki (Leiterin Vermittlung und Programme, Migros Museum für Gegenwartskunst), Aufsichtspersonen des Migros Museum für Gegenwartskunst.

Förderer

Finanziert durch Kita Regenbogen, Migros Museum für Gegenwartskunst sowie einen Impulsbeitrag der Initiative Lapurla (2018).

Infoanlass

Kunst für die Jüngsten? So kann's gehen!

Infoanlass 27. September 2019 im Kontext von «Die Entdeckung der Welt»

 

Projektleitung

Cynthia Gavranic 
Kulturvermittlung Migros Museum für Gegenwartskunst
cynthia.gavranic@mgb.ch 

 

Marie-Christine Hug (ab Nov 2019)
Erzieherin Kita Regenbogen, Gruppe Türkis
 

Bea Fröhlich (2018–19)
Erzieherin Kita Regenbogen, Gruppe Blau
beafroehlich@msn.com

Teilnehmende Kinder

Mai/Juni 2018: Milo (18 Monate), Marta (15 Monate), Beda (9 Monate), Elin (18 Monate)

 

Okt./Nov. 2018: Ella (15 Monate), Marta (19 Monate), Beda (14 Monate), Elin (22 Monate)

 

Juni 2019: Moritz (18 Monate), Alma (18 Monate)

Laufzeit

1. Besuchsreihe: Mai/Juni 2018

2. Besuchsreihe: Oktober/November 2018

3. Besuchsreihe: Juni 2019

4. Besuchsreihe: Januar 2020