Lapurla

Kontext

Worauf die Initiative Lapurla basiert, was sie bewegen will und wie sie sich von anderen Vorhaben unterscheidet

Die Initiative Lapurla ist eingebettet in einen theoretischen, einen politischen und einen rechtlichen Kontext. Aus diesen Grundlagen ergibt sich ein «Sense of Urgency», mit dem ein pädagogischer Paradigmenwechel und damit ein gesellschaftlicher Wandel in Bewegung gesetzt werden soll.

Theoretische Grundlagen

Mit dem «Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz»  liegt seit 2012 ein erstes Referenzdokument zu den Bedürfnissen und Rechten des Kleinkinds vor. Es bietet die Grundlage, um im Frühbereich kindgerecht und wirksam zu handeln. Die Fokuspublikation «Ästhetische Bildung und Kulturelle Teilhabe – von Anfang an!» (nachfolgend Fokuspublikation genannt) richtet auf Grundlage des Orientierungsrahmens den spezifischen Fokus auf  kulturelle Erfahrungsräume von Kindern zwischen 0 und 4 Jahren: Um einen quantitativen sowie qualitativen Sprung in der ästhetisch-kulturellen Bildung ab der frühen Kindheit zu erreichen, sieht die Fokuspublikation folgende Handlungs- und Entwicklungsfelder vor:
•    Expressionsfreiheit – von Anfang an!
•    Freiräume und Community Education
•    Ko-konstruktive Patenschaften
•    Kinderrechte in Leistungsverträgen von Kultur und Kulturinstitutionen
•    Qualität sichtbar machen und honorieren

 

Der Fokuspublikation ist ein Dialoganlass (Mai 2016) vorausgegangen, an dem geladene Fachpersonen und Amtsinhaber aus den Bereichen Kultur, Frühe Kindheit, Bildung und Soziales teilgenommen und Ziele einer kulturellen Teilhabe durch ästhetische Bildung diskutiert haben. Am erfolgreichen Lancierungsanlass im Mai 2017 wurde von den interdisziplinär zusammengesetzten Teilnehmerschaft das Bedürfnis geäussert, vermehrt Projekte anzustossen, die auf Grundlage der Fokuspublikation kulturelle Bildung für Kleinkinder ermöglicht.

Politische Grundlagen

Kulturbotschaft des Bundes 2016–2020

Die Stärkung kultureller Teilhabe ist eine der drei strategischen Handlungsachsen der Kulturpolitik des Bundes. Kulturelle Teilhabe zu stärken, bedeutet, die individuelle und die kollektive Auseinandersetzung mit Kultur und die aktive Mitgestaltung des kulturellen Lebens anzuregen. Wer am kulturellen Leben teilnimmt, wird sich der eigenen kulturellen Prägungen bewusst, entwickelt eine eigene kulturelle Identität und trägt so zur kulturellen Vielfalt der Schweiz bei.

Manifest Arst&Education 2010

Das Manifest Arts&Education wurde am 17. Juni 2010 in Luzern lanciert anlässlich eines nationalen Symposiums der Schweizerischen UNESCO-Kommission mit über 200 Personen aus Kultur, Bildung und Politik.

Die kulturelle und künstlerische Bildung entwickelt die Sensibilität, die Kreativität, die Ausdrucks-, Gestaltungs- und Kommunikationsfähigkeit der Kinder und Jugendlichen. Sie befähigt sie, in der Schulzeit und später als Erwachsene innovative und konstruktive Beziehungen zu ihrer Umwelt aufzubauen.

Koalition Ready!

Ziel von READY! ist eine umfassende Politik der frühen Kindheit. Dafür setzen sich engagierte Akteure und Institutionen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und dem Fachbereich gemeinsam ein.

Charta zur Qualität familienergänzender Kinderbetreuung

Die Charta umfasst 16 Grundsätze zur Qualität in der familienergänzenden Kinderbetreuung. Die Grundsätze beziehen sich auf folgende Themenbereiche:

  • Wohl des Kindes und seiner Familie
  • Entwicklung fördern durch Betreuung, Erziehung und Bildung
  • Chancengleichheit fördern
  • Mit Partnern zusammenarbeiten
  • Qualität entwickeln und sichern
  • Personal gewinnen, entwickeln und erhalten
  • Angebot an Kinderbetreuung ausbauen und sichern
  • Forschung fördern, Datenlage verbessern

Appell für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz

Basierend auf den Erfahrungen mit dem Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung richten die Schweizerische UNESCO-Kommission und das Netzwerk Kinderbetreuung mit dem Appell den Blick auf die Rahmenbedingungen und formulieren vier Forderungen an Politik, Verwaltung und Wirtschaft:

1.    QUALITÄT: Wert und Potenzial von qualitativ guten Angeboten in der frühen Kindheit werden erkannt.

2.    ANERKENNUNG: Fachkräfte in der frühen Kindheit erhalten Anerkennung und haben faire Arbeitsbedingungen.

3.    FINANZIELLE ENTLASTUNG: Staat und Wirtschaft engagieren sich finanziell stärker und verbindlich für die frühe Kindheit und verringern den Kostenanteil der Eltern.

4.    POLITIK DER FRÜHEN KINDHEIT: Die Zuständigkeiten und Kompetenzen zwischen Gemeinden, Kantonen und dem Bund sind klar und ergeben eine wirkungsvolle «Politik der frühen Kindheit».

Frühkindliche Bildung

Die UNESCO betrachtet das Lernen in den ersten Lebensjahren als Grundlage für die gesamte Entwicklung eines Menschen. Auf dieser Basis sowie im Rahmen der globalen Bildungsagenda 2030 (Unterziel 4.2 «Allen Mädchen und Jungen den Zugang zu hochwertiger frühkindlicher Bildung, Betreuung und Erziehung zu sichern, die ihnen einen erfolgreichen Übergang in die Schule ermöglicht») setzt sich die Schweizerische UNESCO-Kommission für mehr Chancengerechtigkeit und Qualität in der Frühkindlichen Bildung der Schweiz ein.

Rechtliche Grundlagen

Artikel 31 Absatz 1 der UN-Kinderrechtskonvention

Recht auf Ruhe, Freizeit und Spiel
(1) Die Vertragsstaaten erkennen das Recht des Kindes auf Ruhe und Freizeit an, auf Spiel und altersgemäße aktive Erholung sowie auf freie Teilnahme am kulturellen und künstlerischen Leben.
(2) Die Vertragsstaaten achten und fördern das Recht des Kindes auf volle Beteiligung am kulturellen und künstlerischen Leben und fördern die Bereitstellung geeigneter und gleicher Möglichkeiten für die kulturelle und künstlerische Betätigung sowie für aktive Erholung und Freizeitbeschäftigung.

Netzwerk Kinderrechte Schweiz: Das Recht auf Freizeit, Spiel und Erholung (Handlungsfeld)

Freizeit, Spiel und Erholung sind zentral für die gesunde Entwicklung eines Kindes. Besonders jüngere Kinder entwickeln sich beim Spielen und entdecken dabei ihre Kreativität. Zudem fördern Spiel und Sport das soziale Lernen und stärken den Gemeinschaftssinn. Dies scheint auf den ersten Blick kein Problem darzustellen, dennoch steht die Schweiz auch hier vor Herausforderungen. Einerseits verfügen Kinder und Jugendliche in der heutigen Konsum- und Leistungsgesellschaft über immer weniger Freizeit, andererseits sind Kinder und Jugendliche aus wirtschaftlich und sozial schwächeren Familien oft benachteiligt, was die Teilnahme am kulturellen Leben anbelangt. Deshalb ist es wichtig, die Angebote von Vereinen und Jugendverbänden sowie der Kinder- und Jugendarbeit auf Gemeindeebene zu fördern. Viele dieser Angebote auf kantonaler, regionaler und lokaler Ebene werden bereits durch staatliche Mittel unterstützt.

Sense of Urgency

In der Tat existieren in der Schweiz kaum Angebote zur kulturellen Teilhabe für Kinder von 0–4 Jahren und bislang auch noch keine expliziten Förderstrukturen. Dies hat verschiedene Ursachen:


•    Bildungspolitik erst ab Kindergarten: Bildung beginnt in der Schweiz offiziell erst ab der Einschulung in den Kindergarten, weshalb kulturelle Förderstrukturen meist auch erst ab Schuleintritt etabliert sind. Dies führt dazu, dass frühkindliche Einrichtungen wie bspw. Kindertagesstätten und Spielgruppen noch selten Zugang zu Fördergeldern im Kultursektor haben.


•    Bislang wenig Know-how frühkindlicher Einrichtungen für Ressourcenallokation zur Förderung kultureller Bildung: Aufseiten Frühbereich ist noch wenig Bewusstsein für den Bildungswert kultureller Teilhabe vorhanden. Es fehlt zudem grundsätzlich an Kenntnissen über Förderstrukturen und damit das Know-how zur Beantragung von Fördergeldern. Es fehlen auch zeitliche und personelle Ressourcen, um sich der Thematik anzunehmen.


•    Geringer Fokus von Kunst- und Kulturvermittlung für die Zielgruppe der Kleinkinder: Aufseiten Kultur- und Kunstvermittlung gehören Kinder von 0–4 Jahren mit ihren Bezugspersonen noch selten zur Zielgruppe kultureller Angebote. Es fehlt an Vorbildern und Modellen, die Hemmschwellen und Berührungsängste sind gross.


•    Fehlende Politik der frühen Kindheit: In den letzten Jahren haben Bund, Kantone und Gemeinden, aber auch private Initiativen und freie Stiftungen durch Konzepte, Studien und Förderprogramme begonnen, die Rahmenbedingungen für das Aufwachsen von Kindern zu verbessern. Doch der Handlungsbedarf bleibt gross. Wenn es nicht gelingt, eine kohärente Politik auf den verschiedenen staatlichen Ebenen unter Beizug der Zivilgesellschaft zu etablieren, bleiben die bisherigen Massnahmen Patchwork und wirkungsarm. Deshalb ist für eine wirkungsvolle kulturelle Teilhabe ab der frühen Kindheit die Zusammenarbeit der Bereiche Bildung, Kultur und Soziales zwingend notwendig.

Einbettung in den gesellschaftlichen Kontext

Unsere Gesellschaft steht aufgrund zunehmender Komplexität vor grossen Aufgaben. Die demografische Entwicklung, die Konsequenzen der Globalisierung, die weltweiten Migrationsströme und die fortschreitende Digitalisierung sind Treiber dynamischer Veränderungen, die einen Einfluss auf unser Zusammenleben haben. Von den Mitgliedern der Gesellschaft wird Dialog- und Innovationsfähigkeit erwartet, um mit den Herausforderungen umzugehen. Konkret heisst dies für die einzelnen Mitglieder der Gesellschaft, dass ihre Problemlösungskompetenzen – das heisst die Fähigkeit, Dinge neu zu denken und in die Tat umzusetzen – sehr wichtig sein werden, um sich ständigen Veränderungen anzunehmen und sie zu gestalten.

Kreativität über qualitative, ästhetische Bildung zu fördern, ist daher kein «Luxusunterfangen». Es geht weder darum, Angebote zur Legitimierung von Kulturinstitutionen zu schaffen, noch um die Profilschärfung von Einrichtungen ausserfamiliärer Kinderbetreuung. Vielmehr geht es um die nachhaltige Entwicklung einer Gesellschaft, deren Mitglieder  von Beginn an durch ästhetisch-kulturelle Erfahrungen
•    neue Perspektiven gewinnen,
•    lernen, unabhängig und kreativ zu denken und zu handeln,
•    auf ihre Stärken zu vertrauen,
•    Verständigungen auszuhandeln und
•    ihre Rechte in der Gesellschaft einzufordern.
 
Die ersten Bildungserfahrungen eines Kleinkinds sind prägend für das Leben und bestimmen nachhaltig den Umgang mit sich und der Welt. Dabei ist davon auszugehen: Kleinkinder sind von sich aus höchst kreativ! Sie eignen sich die Welt mit allen Sinnen an, haben einen unbändigen Forschungsdrang und vielfältige Experimentierlust. Das kleinkindliche Spiel und die künstlerische Betätigung sind nicht voneinander zu trennen und können als kreative Lernstrategien gesehen werden. Ob ein Kleinkind kreativ werden kann, hängt davon ab, ob sein Umfeld dies zulässt und ob die Rahmenbedingungen für ästhetische Erfahrungen und kulturelle Teilhabe gegeben sind oder nicht.

Was Lapurla von anderen Vorhaben unterscheidet

Bislang gibt es noch wenig vergleichbare Vorhaben an der Schnittstelle von Kultur und Früher Kindheit. Als Referenz dient uns daher der Vergleich mit etablierten Kulturangeboten für ältere Kinder im schulischen wie auch ausserschulischen Kontext. Hier sehen wir folgende Differenzierungsmerkmale:

 

(1) Ko-Konstruktive Haltung. Die pädagogische Grundhaltung, mit denen Kinder von 0–4 Jahren entwicklungsgerecht von Erwachsenen begleitet werden sollten, ist ko-konstruktiv. Das bedeutet, dass Kinder in ihrer kindlichen Neugier von Erwachsenen begleitet werden und der kindliche Lebensraum im Dialog zwischen Kind und Erwachsenem erarbeitet wird. Ein zu stark kuratiertes Vorgehen, mit der vorher festgelegte Inhalte nach einem fixen (Lehr-)Plan oder Programm umgesetzt werden, riskiert, bei den Kindern nicht anschlussfähig zu sein und keine Lernwirkung zu entfalten (Desinteresse, Abwenden, Widerstand). Von der Stärke ko-konstruktiver Prozesse sind wir überzeugt: Aus diesem Grund wird auch die Initiative Lapurla selbst ko-konstruktiv in einem interdisziplinären Tandem entwickelt und umgesetzt.

 

(2) Community Education und Nachhaltigkeit. Mit Kindern zwischen 0 und 4 Jahren sind die sozialräumlichen Radien bei Kulturbesuchen beschränkt, um sie nicht vorher schon durch grosse Reiseaktivitäten zu erschöpfen. Dies bildet die vorteilhafte Grundlage, dass Institutionen in unmittelbarer Nachbarschaft miteinander kooperieren. Die Nähe erleichtert nachhaltige Partnerschaften, um den Kindern ein kontinuierliches, institutionalisiertes Angebot zu ermöglichen. Bei Projekten, in denen Kunstschaffende mit Kindern aus Kitas und Spielgruppen forschen, ist die Einbindung der Erziehenden im Vorfeld ohne Kinder von zentraler Bedeutung für eine kreativitätsermöglichende Begleitung der Kinder.